Intelligence in Historical Perspective

Concepts of Human Cognition, Imagination, and Wisdom in Historical and Intercultural Comparison

Interdisziplinäre Konferenz am Department Liberal Arts and Social Sciences an der Technischen Universität Nürnberg (UTN).

Datum: 19. – 21. November 2026

Ausgangspunkt und Zielsetzung

Der Begriff der Intelligenz gehört heute zu den zentralen Bezugspunkten in wissenschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Debatten. In Psychologie, Neurowissenschaften und Informatik wird er meist funktional, operational und empirisch gefasst. Zugleich hat die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz die Frage nach dem Verhältnis von menschlicher und maschineller Intelligenz neu belebt.

Diese Diskussionen werden jedoch nahezu ausschließlich auf Grundlage moderner westlicher Intelligenzkonzepte geführt. Dies hängt auch mit den begrifflichen Traditionen vieler historischer Geisteswissenschaften zusammen. Dort wird selten ausdrücklich von „Intelligenz“ gesprochen; stattdessen kommen Begriffe wie Wissen, Vernunft, Einsicht, Urteilskraft, Klugheit, Weisheit, Vorstellungskraft oder geistige Erkenntnisformen zum Einsatz.

Genau hier setzt die Tagung an. Aus historischer und kulturvergleichender Perspektive fragt sie danach, wie menschliche Erkenntnis und Urteilsfähigkeit in unterschiedlichen Epochen und Kulturen verstanden, beschrieben und bewertet wurden – und welchen Beitrag diese historischen Konzepte zu heutigen Debatten über Intelligenz leisten können.

Leitfragen

Die Tagung geht von der These aus, dass Intelligenz kein feststehender Begriff ist, sondern sich historisch und kulturell unterscheidet und entwickelt. Daraus ergeben sich folgende Leitfragen:

  • Welche Begriffe, Metaphern und Konzepte existierten in verschiedenen Kulturen für das, was wir heute unter „Intelligenz“ zusammenfassen?
  • Welche Formen von Erkenntnis, Vorstellung, Urteilskraft und anderen geistigen Fähigkeiten standen im Zentrum, und wie wurden sie zueinander in Beziehung gesetzt?
  • Welche Rolle spielten Emotionen, Affekte, Körperlichkeit, moralische Dispositionen oder spirituelle Dimensionen für Erkenntnis und Einsicht?
  • Warum wurden kognitive und emotionale Fähigkeiten in vielen historischen Kontexten anders aufeinander bezogen als in modernen westlichen Konzepten?
  • Wie unterscheiden sich grundlegende anthropologische Annahmen zwischen verschiedenen Kulturen und Epochen (z. B. hinsichtlich Seele, Geist, Herz, Atem, qi, nous, ʿaql etc.)?
  • Welche normativen Erwartungen waren mit kognitiven Fähigkeiten verbunden (z. B. Weisheit, Tugend, Herrschaft, religiöse Autorität)?

Ein besonderer Fokus liegt auf der Alterität vormoderner und außereuropäischer Konzepte, die gängige moderne Intelligenzmodelle herausfordern oder zu deren Historisierung beitragen.

Beiträge sind unter anderem aus folgenden Bereichen willkommen:

  • Antikes China: Konzepte von zhi (智), xin (心), li (理), Wissen, Einsicht und moralischem Urteil im Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus.
  • Vorislamische und frühislamische arabische Welt: Bedeutungen von ʿaql, qalb, poetischem Wissen, Weisheit und Inspiration.
  • Klassische Antike: nous, logos, dianoia, phronesis, phantasia, sophia, ratio, prudentia, sapientia, intellectus, imaginatio sowie das Verhältnis von Wissen, Emotion und Tugend bei Platon, Aristoteles, in den hellenistischen Philosophenschulen, im spätantiken Platonismus und Aristotelismus.
  • Alter Orient und Ägypten: Weisheitsliteratur, Herz (ib), Schriftkultur, göttliche Inspiration und administratives Wissen.
  • Mittelalterliche Traditionen (lateinisch, byzantinisch, arabisch, islamisch, jüdisch): Seelenvermögen, Intellektlehren, Vorstellungskraft, Prophetie.
  • Frühe Neuzeit: Transformationen von Wissenskonzepten im Kontext von Rationalismus, Empirismus und der sogenannten wissenschaftlichen Revolution.

Kontexte

Ein zentrales Anliegen der Tagung ist es, historische Perspektiven nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in einen Dialog mit aktuellen Debatten zu bringen. Die Technische Universität Nürnberg bietet mit ihrem Schwerpunkt „Human and Artificial Intelligence“ hierfür einen idealen Rahmen.

Die Tagung fokussiert sich auf vormoderne Ansätze von Intelligenz, stellt diese jedoch zugleich in den Kontext gegenwärtiger Fragestellungen und Herausforderungen im Verhältnis von menschlicher und Künstlicher Intelligenz:

  • Inwiefern können historische Konzepte von Erkenntnis und Urteilsfähigkeit gegenwärtige Vorstellungen von menschlicher Intelligenz korrigieren, erweitern oder relativieren?
  • Welche impliziten Annahmen über den Menschen und seine kognitiven Fähigkeiten liegen aktuellen KI-Modellen zugrunde – und wie erscheinen diese vor dem Hintergrund historischer anthropologischer und erkenntnistheoretischer Konzepte?
  • Was gilt in historischen Konzepten als typisch menschlich, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Unterscheidung (oder das Verhältnis) zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz?
  • Können vormoderne, integrative Modelle von Kognition neue Perspektiven im Umgang mit Künstlicher Intelligenz eröffnen?

Format and Struktur

Das Programm umfasst:

  • Plenarvorträge mit historisch ausgerichteten Beiträgen,
  • Workshop-Formate am Nachmittag mit Präsentationen von Promovierenden und Postdocs,
  • einen öffentlichen Abendvortrag sowie
  • eine abschließende Podiumsdiskussion zur Frage: „Welche Perspektiven bietet die Intelligenzforschung für die vormodernen Geisteswissenschaften?“

Zielgruppe

Die Tagung richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen vormoderne Philologie, Literatur- und Kulturwissenschaften, Philosophie-, Wissenschafts- und Religionsgeschichte sowie angrenzenden Disziplinen.

Beiträge von Forschenden in frühen Karrierephasen sind ausdrücklich willkommen.