Konzept
Dieser Workshop geht von der Annahme aus, dass Exemplarik eine eigenständige Form der Organisation von Wissen darstellt. Anstatt lediglich deduktive Argumente zu veranschaulichen, entfalten Beispiele häufig eine eigene epistemische Wirkkraft: Sie strukturieren Wissen, setzen Normen und überzeugen, ohne auf formal verknüpfte syllogistische Argumentationen angewiesen zu sein. Wie erzeugen und vermitteln Beispiele Wissen, anstatt es nur zu illustrieren? In welcher Weise argumentieren, demonstrieren oder gewinnen exemplarische Fälle epistemische Autorität – auch ohne formalen Beweis?
Konstitutiv für Exemplarik ist die produktive Spannung zwischen dem singulären Fall und dem allgemeinen Begriff, den er erhellen soll. Wie erzeugen einzelne Beispiele allgemeine oder normative Geltung? Durch welche narrativen, rhetorischen oder konzeptuellen Mechanismen stützen individuelle Fälle umfassendere Aussagen, ohne ihre Spezifik zu verlieren? In der Vermittlung zwischen Beobachtung und Norm, Erfahrung und Theorie sowie Narration und Beweis gehen Beispiele Abstraktion und systematischer Erklärung häufig voraus, begleiten sie oder treten an ihre Stelle.
Mit einem Fokus auf Materialien aus der Antike, dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten untersucht der Workshop, wie Beispiele in verschiedenen Wissenskulturen epistemische Wirkkraft entfalten. Er fragt danach, wie exemplarisches Denken Wissensansprüche stabilisiert oder infrage stellt, Urteils- und Vergleichsprozesse strukturiert und epistemische Gemeinschaften über Zeit und kulturelle Grenzen hinweg prägt. Wie fördern Beispiele gemeinsame Formen des Denkens? Wie verbinden sie Gemeinschaften und regen weitere Erkenntnisprozesse an – sei es durch paradigmatische Fälle, autoritative Repertoires wie das griechische paradeigma und das römische exemplum oder durch hypothetische und gedankliche Beispiele, die als heuristische Instrumente der Theoriebildung dienen?
Konzipiert als begriffsorientiertes Labor im Rahmen der Forschungsreihe Examples: Knowledge, Communities, Fictionality, die von den Early Modern und Classics Labs an der University of Technology Nuremberg (UTN) organisiert wird, ist der Workshop Teil eines umfassenderen Programms. Dieses umfasst wöchentliche Gastvorträge unter der Leitfrage How Examples Shape Knowledge sowie die internationale Konferenz Traveling Examples: Epistemics and Dynamics of Exemplarity.
Der Workshop kombiniert Beiträge der Teilnehmenden (ca. 20 Minuten) – darunter Vorträge und Impulsreferate – mit gemeinsamen Lektüren ausgewählter Schlüsseltexte von Denkern wie Aristoteles, Quintilian und Bacon. Beide Formate zielen darauf ab, eine vertiefte Diskussion zu fördern und ein gemeinsames begriffliches Instrumentarium zur Analyse von Exemplarik als epistemischer Praxis zu entwickeln.
Teilnahme
Der Workshop begrüßt Beiträge aus den Bereichen Klassische Philologie, Sinologie, Judaistik sowie der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung, ebenso wie aus Philosophie, Wissenschaftsgeschichte, Erkenntnistheorie und verwandten Disziplinen. Bewerbungen von fortgeschrittenen Promovierenden bis hin zu erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind willkommen, insbesondere wenn sie disziplinäre und kulturelle Grenzen überschreiten.
Organisation
Die UTN übernimmt für alle Teilnehmenden die Kosten für die An- und Abreise (Deutsche Bahn, 2. Klasse) sowie die Unterkunft in Nürnberg.
Bewerbung
Bitte reichen Sie ein:
- ein Abstract von etwa 300 Wörtern
- eine Kurzbiografie (max. 150 Wörter),
einschließlich einer E-Mail-Adresse
Bitte senden Sie Ihre Unterlagen bis zum 30. Juni 2026 an tobias.hirsch@utn.de. Wir würden uns freuen, Sie an der Technischen Universität Nürnberg begrüßen zu dürfen.
Chair und Professor für Classics
Professor für Early Modern
Postdoctoral Researcher für Classics


